Viele Antifaschistinnen und Antifaschisten fühlen sich durch den eskalierenden Naziterror an die 90er Jahre erinnert, als schwere Auseinandersetzungen zum Alltag gehörten. Das sind die wichtigsten Meldungen der letzten Zeit:

Soziokulturelles Zentrum Gerberstraße 3, Weimar Auf den Internetseiten der Thüringer antifaschistischen Gruppen und auf Indymedia wird über etliche weitere Angriffe berichtet. Die Meldungen berichten von der Passivität der Polizei und beklagen die Verleugnung und Vertuschung der politischen Motivation durch die Behörden und die Presse. Anders als es viele Zeitungsartikel suggerieren, ist das tatsächliche Engagement der Zivilgesellschaft und Behörden gering und die Opfer der Gewalt erfahren wenig Unterstützung. So waren auf der Solidaritätsdemonstration in der "Kulturstadt Weimar" eine Woche nach dem Überfall auf die Gerberstraße gerade 200 Menschen, darunter praktisch keine "Bürger Weimars" und auch keine Vertreter der kommunalen Institutionen.
Wir dokumentieren einen Rede, die auf der Weimarar Demonstration an die Kämpfe der 90er Jahre erinnerte und die Frage aufwirft, wie wir heute theoretisch und praktisch den Nazis entgegentreten sollen:
Wir wissen, wer die Geschichte nicht kennt, ist gezwungen sie zu wiederholen. Das klingt so unglaublich abgedroschen, aber es gilt eben nicht nur für die Geschichtsschreibung der Herrschenden sondern auch für unsere eigene Geschichte - die Geschichte von unten.
Was wir momentan in Weimar und anderen Städten mit den Nazis und zum Teil der Polizei erleben, erinnert so fatal an den Beginn der 90er Jahre, dass es sich lohnt für einen kurzen Moment inne zu halten und zurück zu schauen. Was ich für diese Zeit in Erfurt sagen kann, lässt sich auf andere Städte übertragen.
Mit der Wende 1989 entstanden in vielen Orten selbstverwaltete Zentren. Die Vorstellung von einem Leben ohne Chef und Staat wurde von uns nicht in die Zukunft verschoben, sondern in kleinen Freiräumen gelebt. Leer stehende Häuser wurden erst besetzt und dann selbst instand gesetzt. Das hieß Dächer decken, Hauswände anmalen, den Alltag organisieren.
Ziemlich bald wurden wir bedroht durch Nazi-Angriffe. Das zwang uns die Fenster im Erdgeschoss zuzumauern, Zwischentüren einzuziehen und zu lernen mit NATO-Draht umzugehen. Unsere Zentren wandelten sich von offenen Treffpunkten in befestigte Häuser. Bunt bemalt, aber mit Maschendraht vorm Fenster.
In den Jahren 1990 bis 1993 wurden fast täglich Menschen von Nazis zusammengeschlagen, weil sie eine andere Meinung hatten, anders aussahen oder einfach nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. Drohungen unsere Häuser anzugreifen gab es wöchentlich und Nachtwachen gehörten zum Alltag. Kam es dann zu Angriffen, erlebten wir mehr als einmal, wie die Polizei in den Seitenstraßen stand und die Angriffe der Nazis auf unsere Häuser beobachtete.
Die Nazis wussten genau, warum sie uns angriffen und warum sie es heute wieder tun. Wir sind der Beweis dafür, dass ein solidarisches Leben mit allen Menschen, jenseits nationalistischer Zuschreibungen möglich ist. Ob wir hier heute demonstrieren oder ihre Aufmärsche blockieren, wir stehen ihnen im Weg und da stehen wir genau richtig.
Im November 1992 wurde einer von uns, Silvio Meier, in Berlin von Nazis ermordet. Wir standen vor der Frage, ob wir das weiter aushalten können.
Wir entschieden uns dafür nicht aufzugeben. Für uns galt, was Ralf Giordano, Publizist und Überlebender der Shoah, Anfang der 90er Jahre schrieb: „… nie wieder werden wir unseren Todfeinden unbewaffnet gegenüberstehen.“
Aber mit dieser Entscheidung veränderten auch wir uns. Viele von uns schnitten sich die Haare kürzer, als wir es eigentlich mochten, fingen an Kampfsport zu trainieren und hatten Dinge zum Selbstschutz immer dabei.
Nach einigen Monaten Antifa-Organisierung waren wir soweit:
Wir konnten innerhalb von drei Tagen 300 Menschen mobilisieren, meldeten unsere Demos nicht mehr an, der Mercedes von DVU-Chef Frey erlitt einen Totalschaden, als dieser den Fehler machte in der Nähe von Erfurt in einer unbeobachteten Seitenstraße zu parken.
Im Gegensatz zum Staatsschutz kannten wir nicht nur die innere Struktur der später verbotenen neo-nazistischen Thüringer Wiking Jugend. Wir wussten Einzelheiten über ihre Kader, von denen der VS nicht mal den Namen kannte.
Ab 1991 begannen die Nazis mit ihren gezielten Angriffen auf Flüchtlingsheime. In Hoyerswerda attackierte zum ersten Mal nach 1945 wieder ein rassistischer Mob tagelang ein Flüchtlingsheim, ohne dass die Polizei eingriff. Erst eine Demonstration Berliner Antifas, aus deren Reihen die Nazis mit Zwillen angegriffen wurden, konnte das Pogrom stoppen. Es blieb lange unser letzter Erfolg.
In Quedlinburg scheiterte der Versuch von Bürgerrechtlern sich gewaltfrei den Nazis entgegenzustellen. Im Steinhagel der Nazis zogen sie sich zurück, unsere Demonstration wurde mit Brandflaschen angegriffen.
In Rostock-Lichtenhagen kamen wir nur wenige Stunden zu spät. Nazis hatten unter dem Beifall eines rassistischen Mobs tagelang das Flüchtlingsheim angegriffen. Die Polizei zog sich zurück, überließ die Flüchtlinge ihrem Schicksal und die Nazis steckten das Heim in Brand. Dass sich die Flüchtlinge über angrenzende Dächer retten konnten, war ein glücklicher Zufall.
In dieser Situation erklärten die Innenminister nicht die Nazis zum Hauptproblem sondern das Asylrecht. Mit Hilfe der SPD änderte die CDU das Grundrecht auf Asyl und schaffte es nahezu ab.
Am 26. Mai 1993, dem Tag der Bundestagsentscheidung, gelang uns mit 10.000 Menschen zwar die Blockade des Bundestags auf dem Landweg, die Entscheidung aber konnten wir nicht verhindern.
Mitte/ Ende der 90er Jahre war es gelungen in den größeren Städten die Nazis zurückzuschlagen. Das Konzept Antifa erlebte mit der Demonstration von 3000 Menschen 1998 in Saalfeld seinen Höhepunkt. Auf die sich anschließenden Fragen hatten wir keine Antworten mehr. Heute stehen wir vor einer neuen Situation in der nur ein Teil der alten Antworten richtig ist.
Mit dem klassischen Antifa-Konzept hatten wir an vermeintlicher Stärke gewonnen, aber wir hatten auch verloren. Menschen, denen mehr an Kreativität und Phantasie als an Kampf gelegen war, gingen weg. Viele Frauen, die zurecht genervt waren vom mackerhaften Kriegergehabe, verließen die Szene. Antifa-Gruppen waren zu 90% von Männern dominiert. Sportlichkeit wurde wichtiger als politischer Durchblick.
Erich Fried, Lyriker und auch er ein Überlebender der Shoah, formulierte dazu passend schon in den 80ern: „Ein Faschist, der nichts ist als ein Faschist, ist ein Faschist. Aber ein Antifaschist, der nichts ist als ein Antifaschist, ist kein Antifaschist.“
Im Rückblick, der immer alles einfacher macht, stellen wir fest: Das Eingraben in unsere inhaltlichen Stellungen, das Einmauern in Positionen, die scheinbar keiner Erklärung mehr bedürfen, der Rückzug auf die eigene Gruppe, der Verlust der Kreativität, die fehlende Bereitschaft neue Wege zu suchen haben uns mehr geschadet, als unsere individuelle kriegerische Entschlossenheit uns genützt hat.
Das ist kein Plädoyer gegen Entschiedenheit, im Gegenteil. Aber zu der notwendigen Härte unserer Entschiedenheit gehört auch immer wieder die Bereitschaft, dass wir uns erklären, dass unsere Aktionen vermittelbar sind und als wichtigstes dass wir niemals unsere Zärtlichkeit untereinander verlieren.
La Lotta continua! Der Kampf geht weiter!
C.
|